MIRA DAYAL & BETO SHWAFATY – I KEPT GETTING THESE DREAMS

05.03. 30.04.2021

Die Ausstellung „I Kept Getting These Dreams“ (Ich hatte immer wieder diese Träume), die der in New York lebende Kurator Alessandro Facente für den Kunstverein Dresden konzipiert hat, präsentiert Arbeiten zweier Künstler*innen, die gesellschaftliche, politische und durch Naturereignisse hervorgerufene Unsicherheiten der gegenwärtigen Lebenswelt visualisieren. Zugleich ergründet sie die Psychologie der wachsenden Gewaltbereitschaft in Krisensituationen. Eine Wandinstallation der New Yorker Künstlerin Mira Dayal tritt dabei in einen Dialog mit einer Readymade-Skulptur und einer Sound-Installation des in São Paulo lebenden Künstlers Beto Shwafaty. Darüber hinaus interagieren die Werke mit der Dresdner Museumslandschaft.

 

Kurator: Alessandro Facente

Facentes Ausstellungskonzept ist von Otto Dix’ ikonischem Gemälde „Der Krieg“ (1929-1932) inspiriert, einem Hauptwerk des Albertinums, mit dem der Künstler der Heroisierung von Kriegen in der öffentlichen Wahrnehmung entgegentrat. Im Gegensatz zu dieser propagandistisch aufgeladenen Sichtweise zeigte Dix schonungslos die grausamen Auswirkungen auf die Bevölkerung auf. In den Jahren nach seiner Zeit als Soldat während des Ersten Weltkriegs war der Maler immer wieder von posttraumatischen Belastungsstörungen heimgesucht worden. In sein Tagebuch notierte er: „Ich hatte immer wieder diese Träume“.

Auch wenn sich weder die Mitgliedsstaaten der EU noch die USA und Brasilien in einem realen Kriegszustand befindet, ist doch festzustellen, dass die politischen Verwerfungen der vergangenen Jahre zu einer Steigerung von Rassismus, gesellschaftlicher Ungleichheit und ebenso zur Unterdrückung von Menschenrechten geführt haben sowie zu haltlosen Verschwörungstheorien und zur Leugnung des Klimawandels. Mit diesen Phänomenen gehen Stresssymptome, eine tiefgreifende Polarisierung der Gesellschaft und ein signifikanter Anstieg von Hasskriminalität einher. Dieser unterschwellig geführte ‚Krieg‘, der vor allem in den sozialen Medien ausgetragen und meist stillschweigend geduldet wird, verstellt nicht nur unseren Blick auf die Wirklichkeit, er erzeugt zugleich eine feindselige Grundstimmung. Die daraus resultierenden düsteren Bilder von Krankheiten, Hass, Katastrophen und Tod beeinflussen nicht nur unsere Zukunftsvisionen – sie werden auch einst unsere Träume durchdringen.  

 

Vor dem Hintergrund dieser von Zerfallserscheinungen geprägten Gegenwart senden die Arbeiten von Mira Dayal und Beto Shwafaty widersprüchliche Botschaften aus, indem sie sich eindeutigen Antworten auf irreführende und spaltende gesellschaftliche Narrative entziehen, gleichzeitig visionäre Lösungsansätze entwerfen und dabei Werte wie Empathie, Mitgefühl und Heilung in den Vordergrund stellen.

 

In ihrer für den Kunstverein Dresden entwickelten und in situ ausgeführten Wandinstallation „Supplement“ (Ergänzung) (2021) untersucht Mira Dayal auf der Grundlage von materiellen und metaphorischen Fragestellungen das Verhältnis zwischen organisch und menschengemacht, zwischen Architektur und menschlichem Körper und nicht zuletzt zwischen Infektionen und deren Heilung. Dayals Installation besteht aus tierischen Kollagenpeptiden, die im Handel als allheilbringendes Nahrungsergänzungsmittel zur Verbesserung der Hautelastizität und zur Stärkung der Knochen angepriesen werden. Mit Salz und Wasser vermischt, verwandelt sich das Kollagenpulver in eine gelbliche Paste mit sirupartiger Textur, die während des Trocknungsprozesses auf der Wand eine leicht glänzende und zugleich rissige Oberfläche wie bei einem alten Ölgemälde ausbildet. Ohne Vorkenntnisse über ihren Ursprung erscheint die Substanz wie ein nicht definierbarer Organismus, der beim Publikum ganz unterschiedliche Reaktionen wie Verwirrung, Unbehagen, aber auch Ekel auslösen kann. Mira Dayal setzt die Ästhetik des gleichzeitig reizvoll wie abstoßend wirkenden Materials gezielt ein. Der Auftrag der Kollagenmischung auf Augenhöhe an den drei fensterlosen Wänden des Ausstellungsraums vermag in der Wahrnehmung der Betrachter*innen ein Gefühl des völligen Umfangen-Seins von einer scheinbar von außen eindringenden Verseuchung oder eines Mikrobenbefalls auszulösen. In metaphorischer Sicht stärkt die Anbringung dieser in ihrer positiven Wirkung wissenschaftlich nicht nachgewiesenen Substanz den Gallerieraum. Wenn die Rückstände nach der Ausstellung wieder entfernt sein werden, wird auch die Oberflächenschicht der Wand verschwinden. Dayals Werk besteht aus einer Oberfläche, die die Aufmerksamkeit auf weite Teile des Raums lenkt. Sie ist reinigend und zerstörerisch zugleich.   

 

Beto Shwafaty präsentiert mit „Poison and Value (a Silent Catastrophe)“ (Gift und Wert [eine stumme Katastrophe]) (2021), eine plastische Raumintervention in Form einer elektrischen, von der Decke hängenden Insektenfalle. Der Künstler transformiert sie durch minimale Eingriffe in das ursprünglich zur Insektenvernichtung entwickelte Lichtspektrum, so dass sie vermehrt blaue und rote Lichtanteile, die nachweislich durch Pestizide und andere Umweltgifte erkrankte Bienen heilen können. Zusätzlich zur Readymade-Skulptur präsentiert Shwafaty im Kunstverein Dresden eine Soundcollage, die sich wie ein Klangteppich im Raum ausbreitet und unterschiedliche Umweltgeräusche wie Windbewegungen, das Summen von Bienen, das Prasseln des Regen oder das das Donnern eines Gewitters miteinander kombiniert und sich mit repetitiv eingesetzten Informationen eines Sprechers zum Einsatz bzw. Missbrauch von Pestiziden in Brasilien abwechseln. Die Stimme verkündet Zahlen, Vorhersagen, Warnungen und offizielle Verlautbarungen ebenso wie Angaben zu Profiten, Aktienwerten und Marktbewegungen.

 

Indem Shwafaty Bereiche der ökologischen Fragilität auslotet, spricht er im Besonderen das ausufernde System der brasilianischen Landwirtschaft und den Vorwurf an, für das drastische Bienensterben im Land verantwortlich zu sein. In stringenter Kontinuität mit früheren forschungsbasierten Kunstprojekten bezieht sich auch sein neues Werk indirekt auf die gegenwärtig in Brasilien vorherrschenden konservativen Ideologien und neokolonialen Zustände, deren veraltete Agenda überholten ultraliberalen Praktiken zu neuer Geltung verhilft. So können gegenwärtig mehr als 300 umstrittene chemische Substanzen ohne jegliche Kontrolle in der Landwirtschaft des Landes eingesetzt werden – was, so der Vorwurf, zur massiven Vergiftung von Nahrungsmitteln und folglich auch der Bevölkerung führt. Die Arbeit im Kunstverein reflektiert überdies Erfahrungen, die Shwafaty 2019-2020 während eines Aufenthalts in Deutschland sammelte, indem sie den engmaschigen Verbindungen zwischen Brasilien und europäischen Ländern nachgeht: In Europa ansässige Chemiegiganten sehen das Heimatland des Künstlers oft als einen offenen Markt für Pestizide an, die in der EU verboten sind.

 

Das im Kunstverein ausgestellte Ensemble aus Readymade-Objekt und Soundcollage suggeriert, dass etwas Unbekanntes und Abstoßendes im Gange ist, ein Alptraumszenario, das im Ausstellungsraum wie eine Epiphanie aufscheint. Dayals Bakterienmixtur befällt die Wände des Ausstellungsraums, während Shwafatys Objekt so angeordnet wurde, als zielte es darauf ab, diese Invasion zu bekämpfen oder gar deren Auswirkungen zu heilen. Gemeinsam erzeugen die beiden Installationen das Gefühl eines Ambientes der Unsicherheit, durch das die Besucher*innen wie in einem intensiven Tagtraum navigieren.   

 

Die Künstlerin und Schriftstellerin Mira Dayal lebt in New York. Sie ist eine der Kuratorinnen der kollektiven Künstlerpublikation prompt und Gründungsherausgeberin des Journal of Art Criticism. Darüber hinaus schreibt sie regelmäßig für die Zeitschrift Artforum. Charakteristisch für ihre Arbeiten, die bereits in namhaften Institutionen wie der NARS Foundation und dem Abrons Art Center ausgestellt wurden, sind der spielerische wie komplexe Umgang mit Sprache, Materialität und Raum. Ihre Publikationen werden von der MoMa Library, der Barnard College Library und der SVA Library verwaltet und von renommierten Fachbuchhandlungen vertrieben. Dayal nahm unter anderem Artist-in-Residence Programme an der Ox-Bow School of Art, der A.I.R. Gallery und bei Art in General wahr.

 

Das Œuvre des in São Paulo lebenden Künstlers Beto Shwafaty umfasst Installationen, Videos und skulpturale Objekte. Sein Augenmerk richtet sich auf Spuren, die historische Ereignisse in diversen Kulturen – sei es anhand von Objekten, Räumen oder soziokulturellen Strukturen – widerspiegeln sowie auf die Verbreitung ihrer Bedeutungen und Verhaltensweisen. Shwafatys Interesse gilt geschichtlichen und gesellschaftspolitischen Themen, aber auch Architektur und Design. Letztere zieht er als narrative Elemente und Beweisstücke heran, um Auskunft über die Aspekte zu geben, die die Vergangenheit an die Gegenwart anbinden. Shwafaty hat ein Bachelorstudium der Visuelle Künste an der Staatlichen Universität Campinas (Brasilien) sowie einen Master of Arts in Visueller Kunst und Künstlerischem Kuratieren an der Nuova Accademia di Belle Arti in Mailand absolviert und war Gaststudent der Klasse von Simon Starling an der Städelschule in Frankfurt am Main. Er wird von der Luisa Strina Gallery (São Paulo) und der Galleria Prometeo (Mailand) vertreten.   

Gefördert durch die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen, die Stiftung Kunst und Musik für Dresden, die Stiftung Kunstfonds/Programm NEUSTART KULTUR sowie die Landeshauptstadt Dresden, Amt für Kultur und Denkmalschutz. Diese Maßnahme wird mitfinanziert durch Steuermittel auf der Grundlage des vom Sächsischen Landtag beschlossenen Haushaltes.

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