ALINA SIMMELBAUER – WIR TRÄUMEN ALLEIN

28.05 17.07.2021

Ein Briefumschlag. Absender und Empfänger in schnörkeligen, blassblauen Buchstaben. Die eine Adresse in Deutschland, die andere in Kuba. Nicht viel mehr hält die Künstlerin Alina Simmelbauer in ihren Händen, als sie 2011 beschließt, nach ihrem Vater zu suchen und damit ihrer eigenen Geschichte und Identität nachzuspüren.

 

Kuratorin: Daniela Baumann

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Alina Simmelbauers kubanischer Vater war einer von geschätzt 190.000 Arbeitsmigrant:innen, die in der Zeit von 1962 bis 1990 aus Ländern wie Kuba, Vietnam oder Mosambik in die DDR kamen, um dort für drei bis fünf Jahre zu arbeiten oder zu studieren. Endete die Vertragslaufzeit, erlosch zugleich auch das Aufenthaltsrecht, und zwar ohne Rücksicht auf die persönlichen Verbindungen, die sich inzwischen in vielen Fällen entwickelt hatten. Familiäre Bande zwischen den sogenannten „Vertragsarbeiter:innen“ und Bürger:innen der DDR waren weder erwünscht noch akzeptiert. Die Kinder solcher Beziehungen wuchsen in der Regel mit nur einem leiblichen Elternteil auf – in einer Gesellschaft, die über die fehlenden Mütter und Väter schwieg, die Kinder aber ihre andersartige Herkunft oft spüren ließ.

Die 1981 in Thüringen geborene Simmelbauer begann vor fast zehn Jahren damit, nicht nur zu ihrer Familiengeschichte, sondern auch zum weitgehend unerforschten Thema der Vertragsarbeiter:innen und ihrer Kinder zu recherchieren. Den Prozess dieser Suche dokumentierte die Künstlerin vor allem fotografisch, aber auch mit Audio- und Videoaufnahmen, die häufig intuitiv entstanden und ihre Gefühle und Eindrücke einfangen sollten.

 

„Wir träumen allein“ ist eine ortsspezifische Multimedia-Installation, die erstmals im Kunstverein Dresden gezeigt wird. Mit Hilfe von Fotografien, Bewegtbildern und Sound-Elementen erschafft Simmelbauer einen vielschichtigen immersiven Raum, der die Betrachter:innen einerseits an den subjektiven Erfahrungen und Empfindungen der Künstlerin teilhaben lässt – und sie andererseits mit einem Stück fast vergessener DDR-Zeitgeschichte konfrontiert. Die Installation kombiniert poetische Porträts, Stillleben und Straßenansichten, die in Deutschland und Kuba aufgenommen wurden, mit persönlichen Memorabilien und Archivalien, Ton- und Filmsequenzen.

 

Das verzerrte Standbild einer Begegnung zwischen Fidel Castro und Erich Honecker aus dem Jahr 1972 versinnbildlicht, wie abstrakte politische Entscheidungen der ehemaligen DDR die Schicksale tausender junger Menschen und ihrer Familien bis in die Gegenwart nachhaltig prägen. Archivaufnahmen der Unterkünfte und Arbeitsplätze ehemaliger Vertragsarbeiter:innen verweisen auf die propagandistische Inszenierung der in der DDR viel zitierten „Völkerfreundschaft“ mit den Angehörigen der sozialistischen Bruderstaaten. Diese Darstellung entsprach dem staatlichen Selbstverständnis einer antirassistischen Gesellschaft, bildet aber nicht das reale Verhältnis zwischen der ostdeutschen Bevölkerung und den „ausländischen Werktätigen“ ab, die zwar als Arbeitskräfte geduldet, als Mitmenschen aber oft nicht wirklich willkommen waren.

 

Diese offiziellen Bilddokumente ergänzt Simmelbauer um private Familienfotos und fügt so ihre persönliche Geschichte in den historischen Kontext ein. Alte Postkartenmotive mit paradiesisch anmutenden Karibikszenen leiten über in eine Welt fiktiver Vorstellungen, die die Leerstellen in der Autobiografie der Künstlerin über Jahre füllten. Wie Kuba für die große Mehrheit der DDR-Bevölkerung ein unerreichbares, mit kämpferisch-romantischen Klischees der Staatspropaganda aufgeladenes Traumland war, blieb das Land für Simmelbauer lange Zeit wenig greifbar – und damit auch ein Teil ihrer Herkunft. Die verschwommene Google-Maps-Ansicht einer Strandvilla dokumentiert ihre Bemühungen, sich trotz aller Distanz ein Bild vom Leben des abwesenden Vaters zu machen.

 

Mit der ersten Kuba-Reise der Künstlerin im Jahr 2011 wandelte sich der bis dahin abstrakte Prozess der Identitätssuche in eine aktive künstlerische Auseinandersetzung. Diffuse Tonaufnahmen transportieren atmosphärische Eindrücke und zeugen von dem Versuch, sich ein fremdes soziales Terrain zu erschließen. Sie sind ebenso Teil einer Selbstverortung wie die Ansichten von Stadtlandschaften und Wohnräumen, die den ehemals engen (ost-)deutsch-kubanischen Beziehungen nachspüren. Andere Fotografien kreisen um die zahlreichen „Was wäre, wenn…“-Fragen, die viele Kinder ehemaliger Vertragsarbeiter:innen miteinander teilen. Sie verhandeln eine Vergangenheit, die bereits Geschichte und doch noch nicht abgeschlossen ist. Dieser Zustand der Schwebe durchzieht Simmelbauers Installation und vermittelt Außenstehenden ein Bild jener Offenheit, die die persönliche Geschichte und Identität der Künstlerin bestimmt.

 

Die Präsentation im Ausstellungsraum des Kunstvereins Dresden kombiniert Bild-, Ton- und Videoaufnahmen zu einer Collage mit vielfältigen Bezugspunkten und Beziehungsebenen. Ähnlich den Schichten eines Palimpsests überlagern sich in „Wir träumen allein“ Perspektiven, Emotionen und Erinnerungen, um die Komplexität postmoderner deutscher Identitäten zu reflektieren.

 

Alina Simmelbauer
Alina Simmelbauer, geb. 1981, wuchs ist in Thüringen auf. Sie lebt und arbeitet als Fotografin in Berlin. Ihre konzeptuell-dokumentarischen Arbeiten beschäftigen sich überwiegend mit Fragestellungen zur eigenen Identität und Zugehörigkeit, die sich aus ihrer familiären Situation als Kind eines aus Kuba stammenden Vertragsarbeiters in der ehemaligen DDR ableiten. Simmelbauer absolvierte einen Masterstudiengang für Fotografie am ISA Instituto Superior de Arte Havanna auf Kuba (2011) und an der Burg Giebichenstein Halle/Saale (2012). 2020 schloss sie die Meisterklasse an der Ostkreuzschule für Fotografie Berlin unter der Leitung von Prof. Ute Mahler und Ingo Taubhorn ab. Simmelbauer ist seit vielen Jahren in der Kunstvermittlung tätig: Sie organisiert fotografische Workshops und arbeitet unter anderem für das Education-Programm der Berliner Philharmoniker, die Gesellschaft für Humanistische Fotografie (GfHF), das Jüdischen Museum Berlin und C/O Berlin.


Im Rahmen des Projekts „Wir träumen allein“ erhielt die Künstlerin ein Stipendium des DAAD. Ihre Serie Garcías Tochter wurde von der Projektförderung der Kulturstiftung Thüringen unterstützt und in die Shortlist des 11th Kassel Dummy Award 2020 wie auch in die Shortlist des MACK First Book Award 2021 aufgenommen. 2020 setzte auch das Format International Photography Festival ihre Arbeiten auf seine Shortlist. 2017 wurde Alina Simmelbauer überdies für den Hellerau Photography Award und Vonovia Award sowie 2020 für den Kuala Lumpur International Photoaward nominiert.

Daniela Yvonne Baumann
In ihrer Arbeit als freiberufliche Kuratorin, Autorin und Rednerin setzt sich Daniela Yvonne
Baumann schwerpunktmäßig mit zeitgenössischer Fotografie auseinander. Die ehemalige
Direktorin von The Walther Collection in Neu-Ulm hat bereits zahlreiche Fotoausstellungen
kuratiert, darunter die Ausstellung „Structures of Identity: Photography from The Walther
Collection“, die in den USA, Mexiko, Spanien und den Niederlanden gastierte. Baumann ist
Mitherausgeberin des Katalogs „Recent Histories: Zeitgenössische afrikanische Fotografie und Videokunst“, der 2017 vom New York Times Magazine zu den zehn besten Fotobüchern des Jahres gewählt und 2018 für den ICP Infinity Award in der Kategorie „Critical Writing and Research“ nominiert wurde. 2020 wirkte sie an dem Sammelband „Imagining Everday Life: Engagements with Vernacular Photography“ mit, der als „Photography Catalogue of the Year“ den ParisPhoto Aperture PhotoBook Awards gewann.

Gefördert durch die Stiftung Kunstfonds im Rahmen des Sonderförderprogramms 20/21 NEUSTART KULTUR, die Landeshauptstadt Dresden, Amt für Kultur und Denkmalschutz, und die Stiftung Osterberg für Kunst und Kultur.